Gröhe schnürt Reform der Pflegeberufe auf

Handelsblatt 1.6.2016 

Reaktion auf massives Unbehagen vor allem in der Union 

Bundesgesundheitsminister Herrmann Gröhe will die Reform der Pflegeberufe an entscheidenden Stellen verändern. Einen entsprechenden Vorschlag will der Minister am Donnerstag den Koalitionsspitzen unterbreiten, erfuhr das Handelsblatt aus Koalitionskreisen.

Unklar blieb, ob die Änderungen bereits mit dem SPD-geführten Familienministerium abgestimmt sind. Die Reform ist ein gemeinsames Projekt der Ministerien und des Pflegebeauftragten Karl-Josef Laumann (CDU).

Kern der Reform ist die Zusammenlegung von Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege zu einer dreijährigen Berufsausbildung. Von dieser generalistischen Ausbildung erhoffte sich die Koalition ursprünglich eine Aufwertung des Berufs der Altenpflege und eine Behebung des dort drohenden massiven Fachkräftemangels.

Doch daran gibt es vor allem in der Union immer größere Zweifel. Diese zeigten sich besonders deutlich bei der Anhörung zum Gesetz am Montag, bei der mehrere Unionsabgeordnete gezielt die für ihre kritische Haltung bekannten Experten und Verbände zu Wort kommen ließen. Normalerweise überlässt man dies bei Anhörungen den Oppositionsparteien. Der CDU-Gesundheitsexperte Michael Hennrich forderte daher nach der Anhörung, CDU und CSU sollten sich erst mal darüber verständigen, was sie eigentlich beim Thema Pflegeberufe wollen. Der Unions-Berichterstatter für die Pflege, Erwin Rüddel, verlangte, sich Zeit für die nötigen Änderungen zu nehmen. 

Zwei Kritikpunkte der Experten dürfte Gröhe nun aufgreifen: Zum einen befürchten Altenpflegeverbände, Gewerkschaften und Arbeitgeber, dass die Generalistik dazu führen wird, dass weniger Auszubildende als heute bereit sein werden, nach dem Abschluss in die schlechter bezahlte Altenpflege zu gehen. Das Ziel der Behebung des Fachkräftemangels würde dann gar nicht erreicht. Zum anderen gibt es schlicht nicht genug Ausbildungsplätze in Kinderkrankenhäusern für eine generalistische Pflegeausbildung. Beide Probleme wären gelöst, würde Gröhe den Vorschlag der Sozialpartner aufgreifen und nach zwei gemeinsamen Ausbildungsjahren die Spezialisierung auf eines der drei Berufsfelder im dritten Jahr ermöglichen. Dieses integrative Modell war laut Koalitionsvertrag ursprünglich auch das Ziel. Alternativ könnte Gröhe die Kinderkrankenpflege ganz aus dem Reformprojekt herausnehmen.

Peter Thelen, Berlin